AUSZEICHNUNGEN/PRESSESTIMMEN

Aktueller Beitrag der Zeitschrift “VivArt 04/2016″

BIORADO

Eldorado, ist ein sagenhaftes Goldland. Wer wie die rheinhessischen Ökowinzer nur tief genug schürft, fördert auch hierzulande jede Menge Schätze und Mineralien zutage – und macht sich um das Thema Qualität und Herkunft nachhaltige Gedanken. Manfred Lüer über den rheinhessischen Ökoweinbau dank EcoVin und über eine Kostprobe der visionärsten Weine von heute.

Zuerst belächelt, dann beneidet, jetzt bewundert. Dieser Weg in die heutige Akzeptanz der Biobetriebe ist recht allgemeingültig – und doch kommt Rheinhessen und dem führenden Verband EcoVin eine Sonderstellung zu. 1984 wurde der ›Anbau- und Versuchsring ökologisch arbeitender Winzer in Rheinhessen‹ gegründet – als Keimzelle von Ecovin und dem nachhaltigen Weinbau von heute. Doch die tatkräftigen, visionären und idealistischen Rheinhessen wollten mehr erreichen. Sie erarbeiteten nicht nur Richtlinien, sondern drangen schnell auf eine bundesweite Vereinigung, denn an Mosel, Pfalz und Baden gründeten sich ganz ähnliche Gruppierungen. Die gemeinsame Sache war rasant beschlossen. Im Jahr darauf schon riefen die verantwortungsbewussten Ökowinzer den Bundesverband Ökologischer Weinbau e.V. ins Leben. An einem Strang zieht es sich gemeinsam bekanntlich besser. Das gilt sowohl für Ökoweinfeste, asbestfreie Filterschichten, Schulungen (von den noch heute auch externe Gäste profitieren), aber auch für soziale Kontrolle untereinander. Im Zentrum stand und stehen die Stärkung des natürlichen Gleichgewichts, der natürlichen Widerstandskraft im Weinbergs, seiner Kreisläufe und Nützlinge und nicht die Bekämpfung oft hausgemachter Krankheiten wie im konventionellen Weinbau. Das zielt nicht nur auf noch besseren Wein, sondern ist eine Geisteshaltung mit neuen Werten, die vom Respekt vor der Natur und unseren Ressourcen geprägt sind.

1990 firmierte der Bundesverband dann in ›Ecovin‹ um, die Mitgliederzahlen steigen. 1992 lösen staatliche Berater das interne Kontrollsystem ab, mit der Entwicklung des Naturkosthandels steigt auch die Nachfrage nach Ökowein. Ecovin mit seinem starken Regionalverband Rheinhessen professionalisiert sich auch in punkto Imagepflege und Corporate Design, leistet Pionierarbeit durch gegenseitigen Austausch, Kongresse, Veröffentlichungen und Schulungen. So gelangte der lange Zeit als ›spinnert‹ abgetane Ökoweinbau als Thema in die Mitte der Gesellschaft, scheute auch den Wettbewerb nicht – etwa mit dem seit 1998 intern vergebenen ›Ecowinner‹. Vor allem baut der Verband seinen Einfluss als Sprachrohr für den Bioanbau weiter aus, kooperiert auf nationaler und europäischer Ebene, um ein Netzwerk für ökologische Weinkultur zu knüpfen: »Für mich zählt vor allem der Austausch unter Gleichgesinnten und über Generationen«, bestätigt Erik Riffel, Erster Vorsitzender von Ecovin Rheinhessen. »Wir sind eine solidarisch einander verpflichtete lebendige Gruppe!«

Und diese Lebendigkeit spürt man in der Vinothek des Weingut Riffel, in der sich weitere zwölf Winzerinnen und Winzer aus dem Hügelland zur gemeinsame Probe einfinden. Eine kunterbunte Mischung von Pionieren und neueren Mitgliedern – aber allesamt wissensdurstige und offene Typen, die mit Elan in unserer reichen Gartenlandschaft auf natürliche Aktivität und intakte Kreisläufe weinbauen. Und die auch mit Kritik nicht sparen, denn leider können sich manche der führenden rheinhessischen Winzer immer noch nicht damit anfreunden, bei EcoVin Mitglied zu sein. Auch wenn der ökologische Weinbau immer mehr Vertrauen bei den Konsumenten gewinnt, die nicht mehr bloß authentischen Stoff suchen – bekömmlich und nachhaltig produziert darf der Wein heute auch sein. Die handwerklichen Standards sind anspruchsvoller geworden und junge Winzer mit internationaler Ausbildung interessieren sich für Bio-Diversität, für Präparate, Aufgüsse. Wollen den Einsatz von Raubmilben verstehen und suchen den solidarischen Schutz des engagierten Verbandes. Im europaweiten Vergleich mag der Öko-Weinbau noch eine Nische sein, hierzulande drücken selbst prominente Winzer in Seminaren von EcoVin die Schulbank. Der fundierte Öko-Weinbau könnte ja die letzte Schippe sein, mit der man bei der Qualität noch eins drauflegen kann.

Das sieht auch Erik Riffel aus Bingen so. Die Umstellung seines Betriebes in 2009 war nicht nur der Gesundheit seiner Familie und Problemen bei der Spontangärung geschuldet: »Ich wollte einfach noch bessere Weine machen«, sagt Riffel und schenkt seinen berückenden Lagenriesling 2015 aus dem Scharlachberg ein. Spannkraft, Tiefe und Substanz dieses kraftvollen Giganten sind berauschend. Alle probieren – alle schweigen für einen Moment. Dieser Wein hat das Karge, Ursprüngliche und doch Reife und Warme eingefangen – als Gefühl von Geborgenheit.

 

Um Weitsicht geht es auch Eckhard Höbel vom Weingut Bürgermeister Adam Schmitt in Mommenheim. Handarbeit, selektive Lese, schonende Verarbeitung sind das A und O. »Bei mir gibt es kaum noch eine Pumpe«, sagt Höbel und schenkt eine Reserve 2015 vom Grauburgunder ein, die souverän alle Vorurteile Lügen straft, diese Sorte könne nur breit und banal sein. Im Gegenteil! Voll sinnlicher Finesse, mit verführerischem Schmelz, fein mineralisch in der Mitte. Und Höbels trockener 2015er-Rauenthaler-Riesling ›Ungezähmt‹ hat wirklich etwas Wildes, aber eben auch Authentisches: balsamisch-würzig, zart-rauchig, voller Kräuter und Feuerstein. Stark!

 

Das schätzt auch der Kellermeister Oliver Herzer vom Weingut Johanninger in Biebelsheim, das seit 2013 Mitglied bei EcoVin ist und neben heiteren, ›Spring-in-den-Mund-lebendigen-Basistropfen‹ enorm kalibrierte Reserveweine vornehmlich aus Burgundersorten keltert. Wie auch den 2014er Spätburgunder, der ebenso zeigt, was diese Sorte unter nachhaltigen Bedingung wirklich kann. Und wie man das Holz so richtig einbindet. Mich betört das verwunschene Parfum von zarter Beerenhaut und eine verführerische Transparenz, bei der ich nur noch staunen und genießen will.

›Feueropal‹ – ein spannender Name! Solch eine Strahlkraft haben die Weine von Ralf Knobloch gewiss, der sich in der Szene gemeinsam mit Bruder Arno längst einen profunden Namen gemacht hat und sich seit 25 Jahren bei EcoVin engagiert. Auch ihr Weingut bietet enorme Entdeckungen zwischen fünf bis zehn Euro. Und hinter diesem Edelsteinwein verbirgt sich wahrlich ein feuriger wie geschliffen anmutender Grauburgunder ›sur lie‹ aus der Westhofener Steingrube, der voller gelber Früchte aber auch mineralischer Schätze steckt.

›Pur und klar‹, so lautet die Devise von Axel Schmitt aus Ober-Hilbesheim, dessen Eltern Liesel und Berthold Schmitt Mitbegründer von EcoVin waren und den biologischen Weinbau schon seit 1978! betrieben. Ein echtes Faustpfand! Der trockene 2013er Riesling ›Signatur‹ aus dem Binger Honigberg wirkt so lässig ausbalanciert und schmeckt richtig schön cremig und zartschmelzend wie ein flüssiges Konfekt. Mit dezenten Honignoten, vor allem aber Steinobst, Blüten und Mineralien. Ein echter Tipp!

Ganzheitlich zu wirtschaften, das verstehen Lucia und Hubertus Weinmann vom Weingut Neumer schon seit 1991. Ihr Sohn Theo feilt die so kühle wie raffinierte Stilistik weiter aus. Dass schon ein scheinbar banaler Gutsriesling schön salzig, geradeaus gespurt, aber eben auch noch gut gepuffert in der Säure sein kann, geht eigentlich gar nicht. Doch der junge Kellermeister beweist solche eine Quadratur des Kreises – und keltert auch vegane Weine, mit denen sich das Gut auch überregional große Verdienste erwirbt.

Generationswechsel ist ebenso Thema beim Weingut Goldschmidt aus Worms. Hier stehen ganz klar der Spaß am Wein und die Trinkfreude im Vordergrund. Tiefergelegte High-Speed-Flitzer sind nicht das Ding von Vater Uli, der 2002 in Pfeddersheim als Pionier noch »mit Bauchschmerzen« umstellte, weil er Skrupel hatte, wie das bei seinen Kunden ankommen würde. Doch die Resonanz habe sich »drastisch zum Positiven gewandelt«. Der Osthofener Liebenberg Riesling ›S‹ aus 2015 ist ein echter Wohlfühlwein, während der Grauburgunder ›S‹, die ›Edition Jonas‹ 2015, vom Junior Jonas echt Schmackes hat: Vanille, Steinobst, Würze , Wumms. Ein Solo für Jonas.

»Ich war öko, seit ich selber denken kann«, sagt Philipp Wedekind von sich, einer der spannendsten Aufsteiger aus Nierstein. Die Eltern aus der 1968er-Generation führten den Betrieb von 1989 bis 2005, ihr Sohn setzte darauf die Standards in ökologischer und qualitativer Hinsicht um – Seine Cabernet blanc und Cabernet jura etwa sind richtig cool und lässig. Der 2015er Lagenriesling aus dem Heiligenbaum hat heute ungeheure Stoffigkeit und Präsenz und gibt auf Anhieb das Gefühl, eine echte Entdeckung zu machen.

Auch Jana Kopp vom Sternenfelserhof in Nierstein gehört zur neueren Öko-Generation. Die begeisterte Winzerin geht mit Herzblut an die Sache, versprüht jede Menge Charme und macht viel frischen Wind. Auf ihrem Gut kann man nicht nur ganz wunderbar übernachten, sondern auch völlig neue Weine probieren. Etwa den spontan vergorenen Riesling 2015 aus einem steilen Stück des Oelbergs mit einem kaum zu schlagenden Preis-Genuss-Verhältnis – bei sechs Euro ist das der flüssiggewordene Alptraum jedes Etikettentrinkers.

»Wir lieben Wein«, sagt Andreas Hemer aus Worms-Abenheim, der mit seinem Bruder das Familienweingut in vierter Generation führt. Ihre 37 Hektar werden seit 2003 ökologisch bewirtschaftet und die Weine auch vegan bereitet – das ist mal ein Wort. Andraes Hemer ist auch ein Mann der Tat, dabei ein Team-Player den von seinem eigene Weg nichts abbringen kann, schon gar nicht die Häme mancher Nachbarn: Schon 1990 waren die Hälfte der Weine trocken ausgebaut. Sein Silvaner aus dem Abenheimer Klausenberg 2015 begeistert uns alle: dessen cremig-eingehüllte Mineralität, die die Streuobstwiesen direkt ins Glas zaubert.

Lukas Haub ist ein neues Gesicht am Öko-Firmament: Der junge Sohn vom Winzermeister Steffan Haub aus Lörzweiler hat gerade erst ausgelernt und setzt bei seinem Debut alles auf Silvaner: Die 27-jährigen Stöcke aus dem Niersteiner Engelsberg liefern satten, dichten Stoff, der auch das Rotliegende zum Tönen bringt, teils im Barrique ausgebaut, teils im Stahl. Als feinherber Touch vibriert die Säure bei aller Cremigkeit geradezu im Inneren, während das Holz die Frucht nicht erschlägt, sondern sanft trägt: Ein echtes Unikat aus 2015 mit einem wirklich schönen Künstleretikett.

Jung und dynamisch – man glaubt Johannes Kessler aus Zornheim dieses Credo aufs Wort. Zwei Generationen arbeiten Hand in Hand, 2005 gelang der erste Schritt in die Biozertifizierung. Seit 2012 ist der junge Zornheimer voll eingestiegen und verantwortet nun acht Hektar nebst einer stilvollen Vinothek. Sein feinherber Riesling ›MMXV‹ sorgt bei uns für ein Lächeln im Gesicht. Frucht kann so viel Spaß machen, vorausgesetzt, es ist eine saftige, differenzierte und animierende. Doch mit solch tropischen Akzenten macht moderner Ökowein sich wirklich Freunde fürs Leben!

Diese für beste Biobetriebe so typische Zug- und Spannkraft schmecken wir auch in der trockenen Weißburgunder-Spätlese 2015 vom Weingut Adolf Schick in Jugenheim, die uns die sympathische Inhaberin Susanne Schick präsentiert. Das ist ein Traditionsbetrieb nebst Hotel-Restaurant Weedenhof, in dem man zu anspruchsvoller rheinhessischer Küche auch solch einen wunderbaren Weißburgunder genießt, der sich für nur 7,50 Euro wohltuend von der Konkurrenz abhebt – seine delikate Frucht und Stoffigkeit ist Biowein at it’s best. Insbesondere dank EcoVin!

VivArt Service

www.weingut-schmitt-mommenheim.de